Es ist Mittwoch, der 4. Mai 2005. Mein Auto rollt auf die slowenisch-italienische Grenze zu. Der Grenzbeamte unterbricht seine Siesta, um den Schlagbaum zu öffnen und ein paar freundliche Worte zu wechseln. Die erste Etappe meiner Reise ist geschafft! Jetzt nur noch "schnell" 300 km Landstraße immer am südlichen Alpenrand entlang und schon bin ich am Ledrosee. Die vergangenen Tage habe ich mit Kajak und Freunden an der Soca verbracht - fünf perfekte Paddeltage, endlich Urlaub, unterwegs sein, Sommergefühle. Gerne wäre ich geblieben, aber ich habe mich entschieden, zum DCV-Treffen zu fahren.

Eigentlich ist S. der Auslöser dafür. S. ist bzw. war mein Canyoningpartner. Er war es, der mich vor ca. anderthalb Jahren zum ersten Mal in eine Schlucht "mitgenommen" hat und mich mit dem Canyoningvirus infizierte. Seitdem haben wir, sobald es ging, gemeinsam verzweifelt Einstiege gesucht, Schleifsäcke in tiefen Gumpen versenkt, um verhedderte Seile gekämpft und Erfahrungen im Verarzten von Platzwunden gesammelt. Nach unseren gemeinsamen Touren saß ich montags, die Schienbeine voll blauer Flecken und mit einem breiten Grinsen im Gesicht, in der Praxis und versuchte, mich auf meine Patienten zu konzentrieren. Seit kurzem hat S. eine Freundin. Unser geplanter Urlaub findet nicht statt - S. hat andere Pläne. Ich aber will unbedingt weiter Schluchten entdecken und suche nette Leute, die diese Leidenschaft teilen. Das ist der Grund für meine Reise. Ich drehe die Musik lauter, genieße die Fahrt durch Weinberge und verschlafene Dörfer und freue mich auf alles Neue.

Drei Stunden später sieht alles schon nicht mehr so rosig aus: zum dritten Mal passiere ich die gleiche Kreuzung - mein Ziel, ohne detaillierte Straßenkarte den Weg durch halb Oberitalien zu finden, scheine ich nur mit vielen Umwegen zu erreichen. Außerdem verdüstert sich der Himmel über den Bergen bedenklich - meine Stimmung auch. Nicht nur meine navigatorischen Fähigkeiten enttäuschen mich, auch an meinen canyonistischen Fähigkeiten kommen massive Zweifel auf. Habe ich doch so manche Abkletterstelle nur mit Hilfe der guten alten Räuberleiter "bezwungen". Noch so harmlose Rutschen flößen mir gewaltigen Respekt ein und schon bei Sprüngen aus 50 cm Höhe bekomme ich weiche Knie. Wenn jemand im Bach ausrutschte oder herumstolperte, dann war das immer ich. Daher meine vielen blauen Flecken. Bei Manfred Fink habe ich zwar kurz vorher den Fortgeschrittenenkurs besucht, so dass ich prima Seile kappen oder 80 kg schwere Canyonisten hochhieven kann, um sie an meinen Gurt zu übernehmen. Die grundlegenden verschiedenen Abseiltechniken oder das Einrichten einer Seilbahn sind mir jedoch nicht geläufig. Das wird im Basiskurs vermittelt - an dem habe ich nicht teilgenommen. Vorsichtshalber habe ich aber den Gardasee-Canyoningführer von vorne bis hinten durchgeackert und jede Tour mit einer eigenen Bewertung versehen. Diese reicht von drei Sternchen (keine Sprünge und Rutschen, offen, nicht zu lang, mittelschwer, Notausstiege möglich) bis hin zu drei Totenköpfen (aquatisch, technisch anspruchsvoll, lang, viele Sprünge und Rutschen, keine Notausstiege). Außerdem habe ich immer noch mein Fahrrad dabei - als Alternative zu den Totenkopfcanyons.

Nach einer weiteren Stunde wird es plötzlich nachtschwarz, kein Haus, kein Ort weit und breit, nur dieses winzige, kurvige Sträßchen. Blitze erhellen im Abstand von nur wenigen Sekunden diese gespenstische Gegend und es ist, als würde der Himmel alle Schleusen öffnen. Die Straße verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit in einen Fluss und überall tosen Sturzbäche von den Felswänden herab. Was habe ich mir da nur eingebrockt ? Das wird das Mega-Hochwasser in allen italienischen Canyons geben! Na ja, die DCVler werden sich freuen. Hab' ich doch gehört, dass sich da eine Horde wilder Abenteurer zusammengerottet hat, die bei normalen Wasserständen niemals in eine Schlucht einsteigen - zu langweilig! Sie lieben es geradezu, aus der reißenden Strömung kurz vor der Abbruchkante mit einem gewagten Sprung ins allerletzte Kehrwasser zu hechten. Zu ihrer großen Leidenschaft gehört es, Seil zu kappen, damit es mal ein bisschen Action gibt. Ja die Abseilenden blockieren sogar absichtlich ihre Achter im Wasserfall, damit ihre Kumpels oben auch etwas zu tun haben. Lauter Helden, die aus 10m Höhe per Salto in knietiefes Wasser springen. "Wettrennen" durch die Schlucht, bei denen leicht mal der Letzte dort einfach "vergessen" wird. Aber zum Glück habe ich ja mein Fahrrad dabei...

Gegen 23.00 Uhr erreiche ich den Ledrosee, das Gewitter hat sich verzogen, sogar den weißen Bus mit Tölzer Kennzeichen finde ich auf einem abgelegenen Parkplatz. Zwei verschlafene, anfangs sehr wortkarge Gestalten kriechen nach einer Weile aus ihren Schlafsäcken und leisten beim Kochen Gesellschaft. Wir trinken noch billigen Wein aus meinem 5-Liter-Plastikkanister und dann wird es doch noch ein netter Abend. Gesprächsstoff gibt es jedenfalls genug.

Am nächsten Morgen trifft sich ein ziemlich müder Haufen in der Bar vom Campingplatz. Die einen haben die Nacht vor der Schranke im Auto verbracht, die anderen sind schon vor Morgengrauen losgefahren, um rechtzeitig anzukommen. Wieder andere vertragen meinen Wein nicht und haben Kopfschmerzen. Wir kommen schnell ins Gespräch. Peter schlägt als Tourleiter den Rio Val vor - ich bin begeistert. Steht er doch auf meiner Wunschliste an erster Stelle und ist mit drei Sternchen gekennzeichnet. Wir bauen noch rasch die Zelte auf, laden unser Material in zwei Autos und kurven endlos viele Serpentinen hoch zum Einstieg. Dort wird mir dann doch etwas mulmig - wir stehen fast direkt über dem Ausstieg - nur ca. 250 Höhenmeter weiter oben. Die Angabe "äußerst vertikal" trifft voll zu. Bisher war ich immer nur zu zweit unterwegs - nun sind wir zu acht. Das Ganze kommt mir etwas chaotisch vor. Die leeren Schleifsäcke, die zum Einpacken benötigt werden, sind vorne und alle Seile sind ständig hinten - irgendwie ist alles noch nicht so richtig eingespielt. Ständig versuche ich alle Personen durchzuzählen, damit niemand "vergessen" wird. Es bleibt ein vergebliches und vollkommen unnötiges Unterfangen. Es beginnt zu gewittern, aber die erwartete Panik bleibt aus. Mit einer gefährlichen Flutwelle ist in diesem Gelände nicht zu rechnen, außerdem ist das Zentrum des Gewitters noch weit entfernt. Eigentlich fühle ich mich sogar ganz sicher: jeder schaut nach den anderen, niemand unternimmt irgendwelche riskanten Manöver. Auch "oute" ich mich nicht als völlige Anfängerin. Der Rio Val gefällt mir saugut, wir scheinen eine gute und nette Gruppe zu sein. Am Abend treffen dann auch die letzten Nachzügler ein und während es draußen ungemütlich kalt und feucht ist, verbringen wir ein paar schöne Stunden an einer langen Tafel in der Pizzeria. Es kommt mir vor, als wäre ich immer schon dabeigewesen.

Die Tourplanung am nächsten Tag übernimmt mal wieder Peter. Er springt mit dem Führer in der Hand zwischen den frühstückenden Leuten herum und fragt jeden nach seiner Meinung zu den angedachten Canyons. Angespornt vom gestrigen Tag bin ich nach anfänglichem Zögern sogar mit dem Rio Nero einverstanden. Hinter seinen Namen habe ich in meinem Führer drei Totenköpfe und einen Blitz gemalt: zu lang, zu schwer, zu viel und zu kaltes Wasser, einige Sprünge und nur für ein kleines, eingespieltes Expertenteam anzuraten. Wir sind weder eine kleine Gruppe (inzwischen 14 Leute, von denen elf mitgehen), und da ich mitgehe, sind wir kein reines Expertenteam mehr. Einige kennen den Rio Nero schon und beteuern, dass alles halb so wild sei. Zum Glück bin ich nicht die einzige Nichtspringerin. Stephan versichert mir, dass wir uns einfach Haken setzen, wenn es Zwangssprünge gibt, bei denen wir lieber abseilen wollen. Unmengen von Schokoriegeln werden in meine Tonne gestopft - die Angst, auf so einer langen Tour zu verhungern, ist groß. Die Fahrt zum Einstieg fordert schon die ersten Opfer. Wir hocken zu acht auf der Ladefläche von Peters Bus, der sich schier endlos die kurvige, schlechte Straße Richtung Tremalzo hochschraubt. Die Luft ist zum Schneiden, die Gespräche verstummen und obwohl bald das winzige Seitenfenster aufgerissen wird, sind alle ziemlich grün im Gesicht. Zu allem Überfluss drehen wir noch eine kleine Ehrenrunde, denn nicht nur meine, sondern auch die navigatorischen Fähigkeiten der vorne Sitzenden lassen manchmal zu wünschen übrig.

Der Rio Nero ist als lang, dunkel und anspruchsvoll in meiner Erinnerung. Er hatte für meine Verhältnisse relativ viel Wasser. Zum ersten Mal wurden mir buchstäblich die Beine im Wasserfall weggerissen und ich musste mich sehr konzentrieren, nicht vor Schreck zu erstarren, sondern möglichst schnell nach unten oder aus der Falllinie herauszukommen. Zum ersten Mal werde ich am Fuß des Wasserfalls von der Wucht so richtig zusammengestaucht. Die ausgesetzten Quergänge zu den Standplätzen waren dagegen weniger beängstigend. Die Sprüngen waren zum Glück nicht obligatorisch. Was hervorragend funktionierte, war das Zusammenspiel in der Gruppe: Alle waren mit Seilen ausgerüstet. Die jeweils vorderste Person richtete die nächste Abseilstelle ein - immer am abgelängten Einfachseil - und blieb oben stehen. So konnten den Nachfolgenden immer noch Hinweise gegeben werden, wenn auf etwas zu achten war. An heiklen Stellen wartete unten jemand, um das Ganze im Auge zu behalten. Die jeweils letzten beiden Personen kümmerten sich um das Abziehen des Seils. So brauchten wir mit elf Personen - darunter allerdings viele Experten - nur unwesentlich länger als die im Führer empfohlene Vierergruppe. Und das obwohl wir zwischendurch Unmengen "Ritter Sport" verputzten, die gegen Ende immer wieder aus den Tiefen irgendwelcher Tonnen gefischt und an den Standplätzen verteilt wurde. Wir waren, glaube ich, nach fünf Stunden am Ausstieg angekommen. Die Sonne war einem grauen Himmel gewichen und nicht nur das Wasser, sondern auch uns war es saukalt. Ich war einfach nur froh: hatte ich doch soeben einen Totenkopfcanyon überlebt, und Spaß gemacht hatte es auch noch. Abends bleibt es trocken. Wir sitzen draußen, kochen und schauen den Neos beim Trocknen zu.

Der Torrente Campiglio ist unser nächstes Ziel. Wie gewöhnlich ignorieren wir jedes "Durchfahrt verboten"-Schild. Schließlich steht ja im Führer, dass man bis zum Einstieg fahren kann. Zum Glück habe ich die Wanderkarte. Ich darf vorne sitzen, bin somit aber auch für die Wegsuche mitverantwortlich. Es gibt keine größeren Pannen, obwohl die Brücke am Ausstieg nicht mehr passierbar ist. Der Campiglio ist am besten mit überraschend vielseitig und irgendwie witzig zu beschreiben. Ein freundlicher Canyon. Oft geht es verschlungen durch kleine Höhlen, ich sammle schmerzhafte Erfahrungen mit meiner ersten höheren und steilen Rutsche. Natürlich schaue ich nach unten und neige den Kopf weit vor... das wird mir eine Lehre sein. Meine anfängliche Rutschphobie verwandelt sich nach und nach in echten Spaß daran. Zum Schluss gibt es noch einen echten "Latscher", der dem Canyon aber keinen Abbruch tut. Zufrieden quetschen wir uns in die Autos und fahren auf der Küstenstraße nach Riva zum Supermarkt. Dort kaufen wir u.a. zwei Großpackungen Eier und zwei Kilo Mehl, denn abends gibt's Pfannkuchen für alle. Zwei Stunden dauert es, bis der letzte Pfannkuchen die Pfanne verlässt. Aus dem Weinkanister wird der allerletzte Tropfen "gepresst" - die Nacht wird kurz. Die Berge schmutzigen Geschirrs wandern am nächsten Morgen in großen Plastikwannen zum Spülbecken und wieder zurück.

Am letzten Tag bilden sich mehrere Gruppen. Ein Teil reist ab, Wolfgang, Moni und Tom wollen irgendwas weiter nördlich machen, andere wiederum bleiben noch bis Montag und fahren nochmals Richtung Süden zum Torrente Baes. Wir gehen zu viert den Palvico, von dem mir schon viel vorgeschwärmt wurde. Der Palvico ist eine echte Schönheit. Wir genießen ihn in vollen Zügen. Beim letzten 50m-Fall unterstelle ich Artur, dass er das Seil oben absichtlich verdreht hat, um uns zu zeigen, wie man in Windeseile den absoluten Profiflaschenzug zum Seilabziehen aufbaut. Helmut, unser Kameramann, dreht noch einen kleinen Ritter-Sport-Werbespot, bevor wir uns für ihn todesmutig vom Wehr in die fünf Meter tiefer liegende Gumpe stürzen sollen. Natürlich zu dritt und gleichzeitig. Ich nehme all meinen Mut zusammen, zähle laut bis drei und los! Es sind aber nur zwei Platscher zu hören und zu sehen - mich hat im letzten Moment das kalte Grauen gepackt. Schnell denke ich mir eine Ausrede aus, versuche meinen Puls unter Kontrolle zu bringen und springe hinterher. Vor Freude könnte ich platzen: ich hab's geschafft!

Am Nachmittag gehen wir den Ponale. Inzwischen sind wir nur noch zu zweit unterwegs. Wie ich in den vergangenen Tagen gelernt habe, fahren wir mit dem Auto auf schlechtesten Schotterwegen so weit bis zum Einstieg, dass uns nur noch eine Felsstufe aufhalten kann. Es gibt keine offizielle Beschreibung, unsere Infos haben wir von Wolfgang. Nach etwas Sucherei finden wir den Einstieg. Anfangs ist die Schlucht äußerst "wohnlich". Wir finden wohl alles in allem eine komplette Kücheneinrichtung und Ersatzteile für jeden Autotyp; besonders Felgen und Reifen gibt es ausreichend. Weiter unterhalb der Brücke wird's dann weniger müllig und richtig nett - so eine Art grüner Dschungelcanyon. Artur lässt mir den Vortritt beim Einrichten der Abseiler. Jetzt kann ich mal zeigen, was ich mir in den letzten Tagen von den anderen abgeschaut habe. Gar nicht so leicht! Ein bisschen planlos hantiere ich mit dem Seil herum, klemme heftig meine Hand zwischen Fels und Seil ein. Einen meiner Schraubkarabiner vergesse ich am Stand und im Überschwang seile ich als Erste durch so eine Art verschlungene Minihöhle, obwohl sich so das Seil sicher sagenhaft schlecht abziehen lässt. Trotz allem bekomme ich ein dickes Lob - das motiviert! Der Schlusswasserfall endet in einer Art Lagune im Gardasee. Wir müssen zum nächsten Steg schwimmen. Froh darüber, dass sich das schwere 100m-Seil nicht in meinem Schleifsack befindet, behalte ich Artur gut im Auge aus Angst, dass er mitsamt Seil für immer im See versinkt.

 

Um Mitternacht kommen wir in Rosenheim an. Es ist mein Geburtstag und eins weiß ich ganz genau: Ein schöneres Geschenk als die vergangenen vier Tage kann es wohl kaum noch geben. - Baja Hilger -