"Die zweite"....warum? Eigentlich muss vor meinem Canyoning-Bericht aus Teneriffa der Bericht von vor rund 3 Jahren von Peter Neuhäusler + Wolfgang Stich stehen - siehe Canyon-Post 14, Dez. 2002 (wer die alten Ausgaben nicht sammelt - Schande über euch! - kann noch auf der DCV Homepage fündig werden). Seitdem waren wohl nicht viele DCVler in Teneriffa, jedenfalls wurden die Topos nicht aktualisiert - lags am Bericht?

Wir jedenfalls flogen Ende Oktober 2004 mit dem gewissen Gefühl im Magen los... wird schon passen. Wir (Thomas Lillie + ich) wollten einfach dem frühen Herbstschmuddelwetter entfliehen und hauptsächlich Klettern und die Ruhetage für Canyons nutzen. Deshalb: bitte keinen Stess im Canyon...

....sooo, schon gelesen, den Barranco del Inferno Bericht? Dann könnt ihr relaxen, Teneriffa kann auch anders.

Nach ein paar Tagen Klettern bei zum Teil etwas instabilem, aber warmem Wetter waren die Finger und die Canyonzähne lang, eine Schlucht war schnell ausgesucht: natürlich gleich mal in die Inferno-Schlucht. Bei klarem blauem Himmel quälen wir uns früh aus den Schlafsäcken an unserem wunderschönen Wild-Campingplatz und fahren die Serpentinen zum Einstieg hoch: plötzlich immer mehr und dichterer Nebel, es wird richtig düster, Pfützen über die Straße - deja vu. Auf dem Fußweg zum Einstieg lichtet sich der Nebel wieder etwas, aber am Tag zuvor muss es heftig geregnet haben: große, frische Auswaschungen und Wasserlachen. Dann am Bach wieder etwas Entspannung: für die viele Feuchtigkeit ringsum ein recht kleines Bächlein - wir ziehen los.

Sehr schnell schneidet sich der Bach in ein immer engeres Bett, sehr hohe und steile Wände kommen näher: dieser Canyon wird kein Spaziergang - leider auch durch die massiven Brombeer-Verhaue, der einzige Minuspunkt für diese spektakuläre Schlucht. Mit Stöcken "bewaffnet" hauen wir uns einen Gang durch das dornige Gestrüpp, das manchmal so dicht wird, dass kaum noch Tageslicht durchdringt. Entschädigt werden wir durch eindrucksvolle lange Abseilstrecken und grandiose Ausblicke in dunkle Schächte und totale Wildnis (nicht mehr viel übrig auf Teneriffa).

Der Umsteiger im 110m-Wasserfall lässt erahnen, wie "ungemütlich" die Situation für Peter + Wolfgang vor 3 Jahren gewesen sein muss: mehrere Generationen von Haken in der glatten und senkrechten Wand krumm und kaputt geschlagen und durch neue ersetzt, die im Topo erwähnten Standbrettchen sind Geschichte. Der Wasserfall rauscht nur gut 1m neben uns runter aus 50m Höhe und noch mal fast 60m weiter ins Dunkle in einen fetten Pool... auch schon bei wenig Wasser beeindruckend!!

Der letzte Abseiler endet auf einem guten Wanderweg, der von unten her in den Canyon führt. Als sehr angenehm empfinden wir den Weg nach den Dornengestrüpp-Kämpfen, oft führt er entlang alter Wasserkanäle, die kunstvoll in die wild zerklüfteten Berge eingepasst wurden. Unsere Verwunderung darüber, warum wir auf der fast einstündigen Wanderung keinen Menschen treffen, klärt sich am Ende des Wegs: an einer strategisch günstigen Stelle wurde ein großes Tor eingebaut: der Weg kostet Eintritt und nur eine begrenzte Anzahl wird eingelassen. Ok, es ist Abend, das Tor ist zu, unter den Blicken der Gäste im benachbarten Restaurant noch eine Klettereinlage.

Da ich noch Energiereserven loswerden will, mach ich mich auf, das Auto zu Fuß zu holen: In der Kompass-Karte ist nördlich des Canyons ein Wanderweg eingetragen, den ich - dann zumeist im Dunkeln - zurück pfadfinde. Ein laaaanger Tag, aber ein seeeehr schöner!

Unsere zweite "Kletterpause" verbrachten wir im Barranco de los Carrizales, einem für Teneriffa richtig aquatischen Canyon im geologisch ältesten Nordwesten der Insel. Schon die Fahrt dorthin hat einiges zu bieten, ein winziges Sträßchen windet sich abenteuerlich durch die steile und extrem zerklüftete Bergwelt, die Jahrmillionen Erosion schufen, und vorbei an dem idyllischen Bergdorf Masca, das seit dem Bau der Straße täglich von Touristen geflutet wird.

Der Einstieg ist schnell gefunden, ein Bach plätschert und schon bald werden wir nass, die ersten Pools sind allerdings leider voller Algen. Danach wird's richtig spaßig mit zahlreichen Sprüngen, Rutschen und ein paar Abseilern. Im unteren Teil sorgt ein ständiger Farbwechsel des Gesteins für Abwechslung. Schon weit vor dem Ende der Schlucht hören wir gewaltiges Brandungsrauschen: der Canyon endet recht unvermittelt an einem winzigen Strand, eingerahmt von steilen Klippen, hohe Wellen brechen herein - eine grandiose und einsame Robinson-Szenerie.

Der Rückstieg durch die Berge nördlich der Schlucht gestaltet sich alles andere als ruhetagstauglich: statt der 2-3 Std. im Topo brauchen wir gut 4 Std. in praller Sonne mit unserem wassergetränktem Gepäck. Die wild zerrissene Bergwelt offenbart einem nach jeder Biegung: wieder steil runter, dann steil hoch, usw., alles weglos. Unsere Wasserreserven reichen grad so, wahrscheinlich machen wir rund 1000 Höhenmeter. Aber: auch das hat sich gelohnt!

Einen dritten Canyon schaffen wir noch: Barranco de Correa. Für mich kein "richtiger" Canyon, eher ein durchaus schöner und langer Abseiler durch eine Wand, Wasser gibt's hier wohl nur nach schweren Regenfällen. Der Einstieg und Weg im Bachbett ist sehr dornig, bis man sich bald oberhalb der 140m-Wand einen schönen Ausblick auf die Nordwestküste Teneriffas verdient hat.
Die bröckelige Wand wird mit 2 Umsteigern abgeseilt, beim Seilabziehen hagelte es Steine und mit unserem 60m-Kletterseil schaffen wir auch das mittlere (!!!), 65m lange Teilstück, Seildehnung sei Dank... ok, das war mal wirklich ein Ruhetag.

So haben wir nur 3 Canyons geschafft, die aber allein schon ein Reise wert sind und lassen genug über für einen Bericht "Teneriffa, die dritte...".

- Chris Heinlein -