"Na komm schon!"

Weit unter mir sehe ich Wasser glitzern.

"Es ist tief genug. Ich bin nur ganz leicht am Grund aufgeschlagen!"

Oli hat gut reden. Er ist bereits gesprungen. Ich stehe hier oben an der Wasserfallkante und kann den Blick nicht von diesem weiß schäumenden Wasserwirbel dort unten lassen, hypnotisiert wie die Maus, die in das offene Maul der Schlange starrt, besessen von dem Bewustsein, dass sie gleich verschluckt sein wird.

Ich will aber nicht verschluckt werden. Zum dritten Mal prüfe ich die Klammwände. Gibt es wirklich keinen Ausweg?

Aussichtslos. Der Fels ist steil, zu glattgeschliffen von der Macht des Wassers. Gegen die Strömung anschwimmen kann ich ebensowenig wie aus der Klamm hinausklettern. Die Maus sitzt in der Falle.

Als einzige Möglichkeit bleibt der Sprung über den Wasserfall. Er ist gute zehn Meter hoch, man muss von der rechten Seite der Wasserfallkante diagonal über den Fall weit hinaus springen auf die linke Seite, denn rechts, direkt unter mir ist das Wasser eindeutig nicht tief genug. So bin ich gezwungen, genau diesen unerbittlich brodelnden, weißen Wasserpilz anzupeilen.

Dabei hatte alles so lieblich angefangen: Mit einem Fußmarsch vom Auto zu dem Flussbett der Solenzara, mitten durch die üppige, an Ostern schon voller Leben steckende korsische Maccia, eingehüllt vom Duft der Blüten und dem würzigen Harzgeruch der Kiefern.

Die Solenzara entspringt am südöstlichen Ende vom Zentralgebirge Korsikas. Zwei Quellbäche bilden einen einzigartigen Talkessel, der umrahmt ist von der Punta Tafonata di Paliri, einem Felszacken, der in seinem Gipfel ein großes Loch, ähnlich der Öse einer Stopfnadel aufweist, den Aiguilles de Bavella, die in jedem Korsikaführer als landschaftlicher Höhepunkt der Insel beschrieben wird und den riesigen Felstürmen der Punta Muvareccia deren glattgeschliffene Reibungsplatten bei jedem Kletterer sofort hektische Betriebsamkeit auslösen.

Im Talkessel fließt die Solenzara durch ein breites, aufgeschottertes Bett mit großen, beigefarbenen Felsbrocken, die rundgeschliffen sind von den kräftigen Hochwassern der Winterzeit. Der Granit am Fluss ist ebenso rauh wie oben in dem Klettergarten am Col de Bavella. Über dem glasklaren Solenzarawasser, zwischen knorrigen Lariciokiefern thronen die senkrecht zerklüfteten Felstürme und bilden eine imposante Kulisse für unsere Klammexpedition, deren Hauptantrieb die Neugier ist, zu erkunden, ob man hier vielleicht noch eine weitere korsische Schlucht mit dem Kajak befahren kann.

Die Solenzara verlässt den Talkessel nach Nordosten. Die Straße, die sich von Westen vom Col de Bavella in das Tal hinabschlängelt, entfernt sich auf der anderen Seite wieder vom Fluss und führt über einen Pass, den Col de Larone aus dem Talkessel hinaus und drüben Richtung Mittelmeer hinab. Abseits der Straße verschwindet die Solenzara zwischen steilen Bergen.

Unmittelbar unter der Nordwand der Punta di Ferriate trifft sie auf senkrecht geschichtetes Grundgestein. Der Übergang ist abrupt: Dort ist die Solenzara ein idyllischer Waldbach in einem breiten Schotterbett, hier ein tosender Wildling in einem engen Spalt. Umgekehrt proportional zur Breite des Bachbettes sind die Schwierigkeiten bei der Durchsteigung der nun folgenden Klamm:
Lange, tiefe Flussabschnitte zwangen uns zu zermürbenden Schwimmeinlagen im eiskalten Wasser. Mehrere Wasserfälle und Absätze mussten wir herunterspringen. Stufen, über die wir nicht mehr zurück konnten. Und immer enger wurde die Klamm, die Felswände steiler, die Wasserfälle immer höher.

Zur zunehmenden Unwegsamkeit des Geländes bedrohte uns eine latente Steinschlaggefahr von flüchtenden halbwilden Bergziegen. Manche Stellen mussten wir sekundengenau abpassen ...

"Nun spring endlich!"

Oli wird ungeduldig. Seltsamerweise beruhigt mich das Bewußtsein, nur noch einen einzigen Ausweg zu haben. Ich werde also gleich die zehn Meter hinunterspringen. Es ist die einzige Möglichkeit, hier herauszukommen, also muss ich mich voll darauf konzentrieren. Auf die zwei Schritte Anlauf, auf den Punkt an der Kante, von dem ich abspringen werde, auf die Richtung, in die ich springen muss. Nur nicht ausrutschen!

Mit voller Kraft drücke ich mich ab. Fliege weit hinaus und schlage doch nur knapp neben der Felswand in dem weißen, mit Luft durchsetzten Wasser ein. Spüre harte Grundberührung, doch die angewinkelten Beine federn den Schwung ab. Werde von der Wasserwucht herumgewirbelt wie in einer Waschmaschine, dann ausgespuckt. Schließlich das erlösende Schwimmen im ruhigen Wasser zur Kiesbank; ich bin durch!

Gegen den blauen Himmel sehe ich Olis grinsendes Gesicht:

"Na, war doch ganz easy. Da vorne um die Kurve herum ist die Klamm übrigens zu Ende."

Übrigens: Auch ich begreife heute nicht mehr, wie Oliver Dose und ich so leichtsinnig sein konnten, ohne Seil in die Solenzaraklamm einzusteigen. Aber das war 1985, keiner von uns wußte mit dem Begriff Canyoning etwas anzufangen und abgeseilt wurde üblicherweise von Hand ("Hangeln" am Wurfsack).    - Gerd Spilker -